Den Stecker ziehen sich die Städte selbst

Jens Voshage, Journalist und Mitglied im CNG-Club:

Die deutschen Kommunen schlagen Alarm. „Mit den drohenden Fahrverboten ziehen wir dem kommunalen Leben den Stecker“, zititert der Spiegel den Mainzer Oberbürgermeister und VKU-Präsident Michael Ebling in der Ausgabe vom 23. November 2017. Durch die Diesel-Fahrverbote würde Müllfahrzeugen, Krankenwagen und viele anderen kommunalen Flotten der Stillstand drohen. Dabei blendet er jedoch aus, dass sich die Kommunen den Stecker seit Jahren selbst gezogen haben. Denn es sind in Deutschland vor allem Entscheider in Städten und in kommunalen Stadtwerken, die für einen Rückgang von schadstoffarmen und wirtschaftlichen CNG-Fahrzeugen sorgen und diesem sofort verfügbarem alternativen Antrieb sogar massive Steine in den Weg legen.

Ob Berlin, Hannover, Bremervörde, Haldensleben, Vellmar, Kaarst, es sind kommunale Unternehmen und es sind kommunale Entscheider, die für den Rückzug aus der CNG-Mobilität verantwortlich sind. Statt die kommunalen Flotten auf CNG-Fahrzeuge umzustellen, setzen sie seit Jahrzehnten vor allem auf Diesel und streuen nun einige teure Elektro-Feigenblätter dazwischen. Überall sieht man freudig strahlende Bürgermeister und Stadtwerke-Chefs mit ihren teuren Spielzeugen – das die Akku-Autos fürs Klima und die Schadstoffbelastung in den Städten keine Vorteile bringen, in die Stadtfinanzen jedoch große Löcher reißen, interessiert dabei nicht.

Es ist schon erstaunlich mit welcher Hartnäckigkeit sich Entscheider in Kommunen und kommunalen Unternehmen gegen die Fakten stemmen und verhindern, dass Busse, Müllfahrzeuge, der kommunale Bauhof und der Dienstwagen des Bürgermeisters mit dem schadstoffarmen Kraftstoff CNG unterwegs sind. Und das sie zuerst zuließen, dass die CNG-Tankstellen der Stadtwerke unwirtschaftlich wurden und nun zustimmen, dass sie geschlossen werden. Daran, das muss an dieser Stelle gesagt werden, hat auch der Verband kommunaler Unternehmen VKU einen Anteil – denn der Stadtwerke-Verband folgt ebenso wie viele Kommunen dem Elektro-Hype. Dabei müsste man doch gerade dort wissen, dass für Stadtwerke mit der Elektromobilität kein Geschäft zu machen ist.

Die Städte als wesentliche Akteure waren ein Kernstück des gerade zu Ende gegangenen Welt-Klimagipfels COP23 in Bonn. Die Feststellung, dass besonders die Städte es in der Hand haben, ob wir bei Klimaschutz und Luftreinhaltung voran kommen, darf jedoch nicht nur für Sonntagreden herhalten. Die Entscheider in den Kommunen müssen endlich ihrer Verantwortung gerecht werden. Indem sie wirksame und bezahlbare Maßnahmen ergreifen. Der schnelle und massive Umbau der kommunalen Flotten von Diesel und Benzin zu CNG-Fahrzeugen ist dafür einer der wichtigsten und wirksamsten Wege. Der Erhalt und Ausbau der CNG-Tankstellen-Infrastruktur vor Ort ist hierbei eine Grundlage. Der Umstieg von Erdgas auf Biomethan an den Tankstellen ist konsequent und ohne Mehrkosten möglich. Doch nicht vergessen werden darf, dass die Kommunikation zu CNG als Kraftstoff nicht nur Kür, sondern Pflicht ist.

Erst wenn es in den Rathäusern und bei Stadtwerken heißt #LiebermitCNG, zeigen die Kommunen, dass sie sich ihrer Verantwortung stellen. Im Sinne der Bürger, im Sinne der kommunalen Finanzen und im Sinne des Klimaschutzes. Der Weg ist so leicht – es fehlt nur der Wille.

 

Jens Voshage
Freier Journalist, Hannover

5 thoughts on “Den Stecker ziehen sich die Städte selbst

  • Sehr richtig ! Man kann dazu noch darauf hinweisen, dass viele Städte gerade den ÖPNV finanziell unterstützen müssen – was völlig korrekt ist. Bedenkt man dann auch noch, dass Stadtwerke auch noch städtische Tochtergesellschaften sind, die ihren Überschuss am Jahresende an die Stadtkasse überweisen, wird zumindest mein Unverständnis noch grösser. Es gäbe die Möglichkeit mit den Mehreinnahmen durch die Umsatzsteigerung der Stadtwerke durch CNG die städtischen Zuschüsse für den ÖPNV zu reduzieren. Man hätte damit also eine echte Win-Win-Situation…… . Leider ist aber hier scheinbar kein Entscheider willens oder in der Lage so weit über den Tellerrand hinaus zu sehen.
    Wie sagt man doch : Wo ein Wille ist , ist auch Weg ……..

  • Wer gestern abend (28.11.2017) das „Heute Journal“ gesehen hat, wird sich ähnlich die Augen gerieben haben wie Klaus Kleber: Die nahezu provozierende Realitätsverweigerung des VKU-Präsidenten angesichts drohender Dieselfahrverbote konnte selbst der erfahrene Moderator kaum fassen.
    Herrn Eblings permanentes Weglächeln jedweder kritischer Anmerkungen wird wohl dem Umstand zu verdanken sein, dass nun der Steuerzahler die bislang vertagten Investitionen der Kommunen übernimmt. Die aktuelle Milliarde ist ja sicher erst der Anfang.

  • Ich komme aus dem französischen Markt der Industrie und bin schockiert, wenn ich mir hier in Deutschland (komme selbst aus Stuttgart) anschauen muss, wie wenig GNC-Fahrzeuge (CNG) in den regionalen Kommunen eingesetzt werden.

    In Frankreich werden beispielsweise, um Schadstoffe zu reduzieren, in Nancy mehr als 600 GNC-Mercedes/Iveco Busse eingesetzt. Mit den richtigen Zündkerzen und Zündkabeln werden die Fahrzeuge noch weitaus umweltfreundlicher. Austausch der Zündkerze und des Kabels erfolgen, mit dem richtigen Setup 20.000 km später wie Standard.

  • Mit der neuen Plakette (blau ab Euro 3) wird dann mein Erdgas-Auto, das noch ein umgerüsteter Benziner ist, Innenstadtuntauglich, obwohl er locker sauberer, als jeder E-Hybrid ist. Was war das für ein Hype, als man mir 2001 die Umrüstung schmackhaft gemacht hat – heute fühle ich mich nur noch vera…t.
    In unserem Landkreis werden wenigstens noch Erdgasbusse (kleinere – 18 Passagiere) eingesetzt. Aber sonst?
    Der Umrüster, der meine Erdgaser zu ebensolchen gemacht hat, sagte vor Jahren schon, daß man für Erdgas keine Abgasgutachten mehr erhält, also neue Umrüstungen nicht mehr möglich sind. Auf dem Fahrzeugmarkt ist aber nichts ansprechendes zu finden. Wer bitte hat festgeschrieben, daß Erdgasautos nur in der untersten Leistungsklasse angeboten werden dürfen? Erst nachdem ich die Bestellung für meinen GTE (letztes Jahr) unterschrieben hatte, kam dann endlich die Bestellbarkeit des Audi A4/A5 als Erdgaser mit immerhin 170PS, für meinen Bedarf der nächsten 4 Jahre – zu spät.

    • Hallo Herr Köther,
      wieso enttäuscht? Anderthalb Jahrzehnte mit einer Umrüstung ist doch nicht so schlecht 🙂 Und bzgl. der Plakette wird wohl noch ein wenig Zeit ins Land gehen.
      Das mit den unteren Leistungsklassen war lange ein Ärgernis, seit dem „Turbo-Zeitalter“ relativiert es sich aber, auch wenn man keine 300 PS unterm Hintern hat. Mehr Leistung = mehr Verbrauch, die Buddeln müssen eben auch noch passen für eine vernünftige Reichweite. Das mit dem verzögerten Marktstart der großen g-trons ist ärgerlich, aber es war doch bekannt, dass sie kommen. Dafür gibts dann in vier Jahren Auswahl…

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