Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung – nicht jedoch auf eigene Fakten! Dieser Grundsatz ist unverrückbar gültig. Und wir leben doch gerade jetzt besonders in einer Wissenschaftsgesellschaft – COVID-19 und die viel gefragte Meinung der Epidemiologen macht es deutlich. Die Wissenschaft liefert also Fakten. Die Politik stützt sich in ihrem Handeln auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Das zumindest ist die Theorie – die Praxis sieht leider vor allem in der Klimaforschung vielfach anders aus. „Hört endlich auf die Wissenschaft – und handelt!“, lautet daher bereits seit langem auch das Credo von Greta Thunberg und der Fridays for Future-Bewegung in Bezug auf den Klimaschutz. Gefragt sind faktenbasierte Diskussionen und faktenbasiertes Handeln – auch in der Politik.

Weil dem so ist, haben sich jetzt zahlreiche Wissenschaftler zusammengetan und sich in einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin sowie Presse und Öffentlichkeit gewandt, um deutlich auf die Gefahr der langfristigen Verfehlung der Klimaschutzziele hinzuweisen. Zwar wollten sie mit dem Brief ausdrücklich niemanden an den Pranger stellen, sondern auf einen konstruktiven Dialog abzielen. Fakt ist jedoch: Die Aussagen der Wissenschaftler decken die Versäumnisse und Fehler der Politik schonungslos auf.


Langfristige Verfehlung der Klimaschutzziele

Anlass für die Forscher, den Brief an Politik, Presse und Öffentlichkeit zu adressieren, ist die bevorstehende Umsetzung der Neufassung der europäischen Erneuerbare-Energien-Richtlinie II (Renewable Energy Directive II – RED II) in deutsches Recht. Die Wissenschaftler sind fest davon überzeugt, dass die Bundesregierung hier derzeit voll im Begriff ist, beim Klimaschutz die falschen Weichen zu stellen.
 

Keine Zeit mehr für Fehler

Das heißt nun im Umkehrschluss für die Forscher: Angesichts des wachsenden Zeitdrucks sind Versäumnisse und Fehler im Klimaschutz absolut nicht mehr tragbar. Eine breite Diskussion auf wissenschaftlicher Basis müsse her, so die Verfasser des Briefes. Gefragt sei eine transparente und technologieneutrale Klimaschutzpolitik ein, die sich an realen physikalischen Treibhausgasminderungen orientiert.
 

Mehr echten Klimaschutz statt Ablasshandel

Wie erheblich der Nachbesserungsbedarf bei den geplanten Gesetzes- und Verordnungsänderungen der Bundesregierung zum Klimaschutz ist, belegen die Wissenschaftler anhand von eindrucksvollen Beispielen. So plant die Bundesregierung eine dreifache (!) Anrechnung des Ladestroms für Elektroautos auf die Erfüllung der Treibhausgasminderungsquote. Für die Professoren ein absolutes No-Go. Nicht nur, dass dadurch das Prinzip der Technologieneutralität erheblich verletzt und obendrein ein fairer Wettstreit unterschiedlicher Lösungsansätze unterbunden werde. Schlimmer noch: Es würden Naturgesetze missachtet. Schließlich, so die Wissenschaftler, reagiere das Klima nur auf echte physikalische Treibhausgasmengen und nicht auf willkürlich von der Politik gesetzte Faktoren für die Anrechnung von Maßnahmen! Und überhaupt fehle hier jegliche Transparenz. Entsprechende Berechnungen – Fehlanzeige. Mein Credo: Mehr echten Klimaschutz statt Ablasshandel.


Sich nicht rein auf E-Mobilität versteifen

Doch damit nicht genug. Die Unterzeichner des offenen Briefes rechnen schonungslos mit der Elektromobilität ab und erklären:

„Auf Basis der uns vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen kommen wir vielmehr zu der Einschätzung, dass die Elektromobilität in Deutschland in der Zeitspanne bis 2030, die für den langfristigen Erfolg oder Misserfolg des Klimaschutzes entscheidend sein wird, mit hoher Wahrscheinlichkeit zu keiner nennenswerten Treibhausgasminderung über die gesamte Wertschöpfungskette führen wird und daher als mittelfristige Klimaschutzmaßnahme ausscheidet.“

So sind sich die Wissenschaftler einig: Erstens, die begrenzten Mengen und Zuwächse an erneuerbarem Strom in Deutschland werden den CO2-Fußabdruck des deutschen Stromverbrauchs nicht schnell genug senken können. Und zweitens sind daher politische Vorgaben zur Erhöhung des mobilitätsbezogenen Stromverbrauchs derzeit für die Verbesserung der Treibhausgasbilanz nicht zielführend!

Bereits im Dezember des Vorjahres habe ich dies in meinem Blogbeitrag thematisiert, als ich schrieb, dass die behaupteten Einsparungen nur auf dem Papier stünden und auf Rechentricks basierten – rein virtueller Klimaschutz sozusagen. Die Wissenschaftler als Lieferanten verlässlicher Fakten haben meine Aussage auch diesbezüglich bestätigt.

Forscher fordern höheren Stellenwert für treibhausgassenkende alternative Kraftstoffe
Auch in Sachen treibhausgassenkender alternativer Kraftstoffe (flüssige und gasförmige einschließlich erneuerbaren Wasserstoffs, erneuerbaren Methans u.a.) und deren Bedeutung für den Klimaschutz gehen die Wissenschaftlicher mit der Regierung hart ins Gericht. So erachten sie diese für absolut unterbewertet. Und das völlig zu Unrecht! Fakt sei nämlich, dass diese wesentlich wirksamer als die E-Mobilität seien, da sie in der bestehenden Fahrzeugflotte einschließlich der gasbetriebenen Autos bei Umsetzung sofort zu einer Treibhausgasminderung führten. Auch diese Aussage der Wissenschaft beweist erneut: Mit effizienten Biokraftstoffen, wie dem BioCNG aus nachhaltigen Rest- und Abfallstoffen, lassen sich nicht nur die Klimaziele im Verkehrssektor erreichen, sondern auch Pkws mit Verbrennungsmotor retten, da diese damit klimaschonend, regenerativ und nachhaltig betrieben werden können. Zu den alternativen Kraftstoffen zählen die Wissenschaftler im Übrigen die am Markt befindlichen Biokraftstoffe aus Nebenprodukten der Futtermittelproduktion, Produkte aus Lebensmittelabfällen, aber auch aus Abfällen und Reststoffen der Land-, Forst- und Holzwirtschaft sowie der Lebensmittelbranche. Aber auch alternative Kraftstoffe auf der Basis nicht-biogener Abfallstoffe wie Plastikabfall und strombasierte Kraftstoffe, sogenannte PtX/PtG-Kraftstoffe oder E-Fuels, heben sie hervor. Denkbar für die Forscher sogar, dass die Technologie dafür aus Deutschland kommen könnte. Damit hätte Deutschland die Chance, einen Beitrag zur Deckung seines sehr großen Energie-Importbedarfs von derzeit rund 70 Prozent auf erneuerbarer Energiebasis zu leisten. Außerdem käme auf diese Weise die für den Klimaschutz dringend erforderliche internationale Zusammenarbeit voran. Klimaschutz, so die Wissenschaftler unisono, sei schließlich eine globale Aufgabe.
 

Das Klima gemeinsam schützen

Kurzum, der offene Brief der Wissenschaftler – er war längst überfällig – spricht mir voll aus dem Herzen. Für die Erfüllung der Pariser Klimaschutzziele brauchen wir bekanntlich ja einen breiten Mix an Alternativantrieben, die uns SOFORT beim Klimaschutz helfen und wirken. Mit diesem Brief werden zudem endlich Fakten für Klimaschutz im Verkehr geschaffen, denn schließlich geht es darum, einen für Deutschland guten Kurs für echten Klimaschutz durchzusetzen. Und das ist nur mit einer Versachlichung der Diskussionen möglich. Defossilisierung im Verkehr betrifft jeden von uns und geht uns somit alle an. Wir müssen das gemeinsam stemmen und für alle mach- und bezahlbare alternative Antriebe finden!


Zur Person:
Birgit Maria Wöber ist u.a. Gründungsmitglied des CNG-Clubs und setzt sich seit vielen Jahren aus Überzeugung für Umwelt, Klimaschutz und möglichst nachhaltige Mobilität ein. Den Wandel im CNG-Antrieb vom fossilen zum regenerativen Kraftstoff begleitet die Expertin aktiv und engagiert, wo immer sich die Gelegenheit bietet.

 

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