CNG-Mobilität top, Infrastruktur flop?

Man weiß selten vorher, auf was man sich bei neuen Dingen einlässt. Das gilt auch für mich und meine Familie beim Kauf unseres ersten eigenen Automobils mit CNG-Antrieb. Das eher dünne Tankstellennetz war mir bekannt, doch günstige Preise und eine gute CO2-Bilanz sprachen dafür. Außerdem wohnen wir in Bardowick (Landkreis Lüneburg in Niedersachsen) und somit genau zwischen den beiden CNG-Tankstellen Winsen und Lüneburg. Sollte also passen, dachten wir und griffen bei einem gebrauchten VW Golf Variant 1,4l TGI mit niedrigem Kilometerstand kurzerhand zu.

Tatsächlich sind wir meistens gut dabei weggekommen. Der eine oder andere Umweg zum Tanken auf längeren Strecken oder auf Tagestouren war kein Problem, schwierig wurde die Mobilität ausgerechnet  relativ schnell im Alltag! Denn trotz der Verfügbarkeit vor Ort waren ausgerechnet "unsere" beiden Tankstellen immer irgendwie teuer, sprangen von knapp 1,30 € auf 1,40 €, ab Oktober dann 1,85 € und zuletzt sogar 1,90 €. Natürlich nahmen wir das in Kauf und tankten auch mal das teurere CNG, selbst wenn 30 Kilometer weiter zeitweise 80 Cent weniger für das Kilogramm aufgerufen wurde. Man braucht aber kein Mathematik-Genie sein, um zu ahnen, dass diese Differenz auch pro Tankfüllung einiges ausmacht.

Tanke mit Absperrband


Bis letztes Wochenende auf einen Schlag beide Tankstellen in Winsen und Lüneburg ihre Zapfsäulen vorübergehend gesperrt haben: einfach mal so die lieben Kunden im Regen stehen lassen – ohne Vorankündigung, Erklärung oder gar Hilfe!

Ich möchte weder über die Dauer noch über die Gründe dafür spekulieren, aber das ist ein absolutes Unding. Zur gleichen Zeit gingen dann auch noch die Tankstellen in Seevetal-Maschen (ca. 30 Kilometer von zu Hause) und Hamburg-Heimfeld (etwas weiter weg) wegen nötiger Reparaturen außer Betrieb – Volltreffer! Damit hatten wir keine Möglichkeit mehr, in erreichbarer Nähe den benötigten Kraftstoff zu tanken. Gut, man kann natürlich mit Benzin fahren, aber bei diesen aktuellen Preisen? Dafür haben wir uns doch erst recht kein CNG-Auto gekauft.
 

Tankstellen-Hopping – nein danke!

Gut, ich bin immer noch relativ gut gestellt, flexibel und könnte auch „mal eben“ nach Hamburg zum Tanken fahren. Doch ich habe die Nase langsam voll. Ich habe mich für den CNG-Kraftstoff entschieden, weil er speziell bei mir vor Ort einigermaßen gut und sicher verfügbar schien. Weil er günstige Preise und eine gute CO2-Bilanz bietet, die beste Kombination von Geldbeutel und Umwelt. Aber jedesmal nach Hamburg nur zum Tanken fahren, ist – erst recht mit einem kleinem Kind – eine Zumutung.

Allerdings könnte ich es sogar noch. Für viele andere CNG-Fahrer aus unserem ländlichen Landkreis dürfte die aktuelle Situation dagegen ein völliges Desaster sein! Sei es, weil sie eben nicht so flexibel sind wie ich. Oder weil sie CNG-Kraftfahrzeuge fahren, die nur einen kleinen Benzin-Nottank haben – und nicht rund 50 Liter wie unseres.

geschlossene Tankstellen


Ausgesperrt – trotz BioCNG aus Deutschland

Was auch immer die wahren Gründe für die aktuelle Situation sind, sie wird einfach auf dem Rücken der Konsumenten ausgetragen. Man entledigt sich mal eben eines individuellen Problems und lässt die Kunden alein. Offiziell wird die Situation mit Russland und die aktuelle Preissituation auf dem Weltmarkt als Grund für die Abschaltung genannt – doch wie schaffen es dann die anderen Anbieter?

Natürlich, dieser Krieg bewegt uns alle, auch mich! Und er trifft uns klar an empfindlichen Stellen. Die enorme Abhängigkeit von russischen Energieträgern lässt sich nicht einfach oder schnell ändern. Aber die Lasten landen wieder einmal vor allem auf unseren Schultern – CNG-Fahrer schauen im Moment vielerorts in die Röhre, müssen noch weitere Umwege als vorher in Kauf nehmen und können im schlimmsten Fall gar nicht mehr tanken. Dagegen können aktuell Benzin- und Dieselfahrer zwar teurer, aber weiterhin problemlos mit ihrem Kraftstoff fahren, der bestimmt auch teilweise aus russischem Erdöl gewonnen wird. Dabei herrschen derzeit weder Einfuhrverbote noch Knappheit – und wir tanken doch sogar hauptsächlich klimaneutrales heimisches Biomethan!
 

Wo bleibt die Chancengleichheit?

Das empfinde ich als mehr als unfair in Zeiten, in denen ständig von Klimaschutz geredet wird. Wir CNG-Fahrer sind CO2-neutral unterwegs und werden dafür auch noch bestraft! Ich habe persönlich das Gefühl, als wolle man gerade an uns als relativ kleine Randgruppe ein Exempel statuieren, obwohl sich doch die CNG-Mobilität am ehesten aus der Abhängigkeit von Russland befreit hat. Ich bin, wie gesagt, von dem regenerativen Kraftstoff wirklich begeistert und möchte gerne andere auch dazu bringen. Doch wie soll ich unter diesen Umständen noch irgend jemanden in meinem Umfeld davon überzeugen?

Update zur Tankstellensituation:
Seit dem 17.3.2022 sind zumindest die zwischenzeitlich außer Betrieb genommenen Tankstellen von Total/PitPoint wieder geöffnet – wenn auch teils mit nicht oder kaum konkurrenzfähigen Preisen! Ein erster Schritt...

 

Zur Person:
Tobias Selke ist durch Zufall und ein gutes Angebot vor rund einem Jahr zur CNG-Mobilität gestoßen, Anfang 2022 dann zum CNG-Club. Aus dem Mut zum Experiment wurde durch die Beschäftigung mit nachhaltiger Mobilität Begeisterung, und er ist sogar von der Alternativlosigkeit dieses Kraftstoffs überzeugt. Leider sorgt die Tankstellen-Situation vor Ort fast nur noch für Frust.

Der Blog-Beitrag spiegelt die persönliche Meinung des Autors wieder. Für die Inhalte ist der Autor allein verantwortlich.

 

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